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Der Weg in den Tod als Unterhaltungsendung?
#10
Dialog der Zwillinge im Mutterleib.

Es geschah, dass im Schoß einer Mutter Zwillingsbrüder heranwuchsen.

Die Wochen vergingen und die Knaben wurden größer.


" Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? "

Die Zwillinge begannen ihre Welt zu entdecken.

Als sie die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und

ihnen Nahrung gab , sangen sie vor Freude:" Wie groß ist die Liebe

unserer Mutter, dass sie ihr eingenes Leben mit uns teilt!"

Als die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden,

merkten sie plötzlich , wie sehr sie sich verändert hatten.

"Was soll das heißen?" fragte der eine. "Das heißt", antwortete der andere,

"dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht."

"Aber ich will nicht gehen", erwiderte der eine,

" ich möchte für immer hier bleiben."

"Wir haben keine andere Wahl", entgegnete der andere,

"aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt!"

"Wie könnte dies sein ? Wir werden unsere Lebensschnur verlieren, und wie

sollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere diesen Schoß

verlasse, und niemand von ihnen ist zurückgekehrt und hat uns gesagt,

dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, dies ist das Ende!"

So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte:

" Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet,

welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß?

Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem."

"Aber sie muss existieren", protestierte der andere. "Wie sollten wir sonst

hierher gekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben?"

"Hast du je unsere Mutter gesehen?"fragte der Andere?"

"Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung.Wir haben sie uns erdacht,weil

wir deshalb unser Leben besser verstehen können."

Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter erfüllt mit

vielen Fragen und großer Angst.Schließlich kam der Moment der Geburt.

Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen.

UND WAS SIE SAHEN, ÜBERTRAF IHRE KÜHNSTEN TRÄUME.

Von

Henri Nouwen 1932- 1996 niederl. Theologe, Psychologe und Philosoph Universitätsprofessor in Harvard.
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